Das Geheimnis des Blaudruck, Gestaltung: Stefan Niemeyer
Ingrid Krause
15.02.2021

Das Geheimnis des Blaudruck

Hexerei oder Handwerk?

Vor Kurzem durfte ich Mäuschen spielen und mir die Blaudruckerei auf dem Meyerhof in Scheeßel anschauen. Ich war sofort fasziniert von der Kunstfertigkeit, die in Modeln und bedruckten Stoffen zum Ausdruck kam. Von der Ruhe, die der Ort ausstrahlte. Mein Wunsch war geboren: Ich wollte mehr über das Geheimnis des Blaudrucks erfahren. Wie bekommt man das weiße filigrane Muster in den blauen Stoff? Gibt es Parallelen zwischen Blaudruck und Bierbrauerei? Und warum sieht der Stoff erst gelb und dann blau aus - ist das Hexerei oder reine Chemie? Ich hatte so viele Fragen.

Inhalt:

Meine Blaudruck-Profis

Anne Rathjen und Ilse Riebesell, zwei Blaudruckerinnen der ersten Stunde, beantworteten mir geduldig alle Fragen. Als vor rund 40 Jahren die Blaudruckwerkstatt im Museum eröffnet wurde, waren sie schon dabei. Und sie sind es bis heute, mit sechs weiteren Damen, alle ehrenamtlich. Ob sie mich aber wirklich in die Geheimnisse einweihen? Von Papp und Stammküpe?

Ilse an ihrem Arbeitsplatz © Ingrid Krause - Touristikverband LK Rotenburg
Ilse Riebesell
Anne Rathjen vom Blaudruck-Team © Ingrid Krause - Touristikverband LK Rotenburg
Anne Rathjen

Die Blaudruck-Werkstatt: Faszinierende Welt im Hexenhäuschen

Im Schnee erinnert die Werkstatt noch mehr an ein Hexenhäuschen als im Sommer
Im Schnee erinnert die Werkstatt noch mehr an ein Hexenhäuschen

Ich versuchte es zuerst im Hexenhaus. So nenne ich die Blaudruckerei, dieses schnuckelige kleine Häuschen auf dem Gelände des Meyerhofs in Scheeßel. Ilse werkelte in der Werkstatt gerade an einer Tischdecke, die sie für sich selbst gestaltet. Hm, ich überlegte: Widmet sich Ilse jetzt der Hexerei oder dem Handwerk? Ich erkannte, dass Blaudruck richtig harte Arbeit ist. Ein Handwerk bei dem mit allerlei geheimen Zutaten hantiert wird. Schwefelsäure und Grünspan, Alaun und Blaustein, Kalk und Eisenvitrol ... Das hört sich nach Alchemie an, aber bei Ilse sah es nicht aus wie in den Filmen bei den Alchemisten. Das Geheimnis um die genauen Zutaten für Papp, Indigoküpe und mehr ist ein Berufsgeheimnis, wie es das in fast jedem Handwerk gibt. Und der Hinweis auf die Hexerei kommt so: Ob man das eher schwach färbende Färberwaid nimmt, das schon im Mittelalter in Europa genutzt wurde, oder das deutlich stärker färbende Indigo aus Indien - das Prinzip ist identisch. Der Farbstoff in Pulverform (die Farbbrocken pingelt man im Pingelpott zu Pulver) ist erst einmal blau-violett. Dieser wird mit weiteren Stoffen angerührt und in die Küpe gegeben. Dort befindet sich das Indigoweiß, das eigentlich eher gelblich-grün aussieht. Durch Oxidation an der Luft färben sich der Stoff und die Oberfläche der Flüssigkeit in der Küpe wieder blau.

Ilse werkelt in der Blaudruck-Werkstatt
Ilses Arbeitsplatz, die schöne Blaudruck-Werkstatt in Scheeßel

Das mutet nach Magie und Hexerei an, ein Wunder - ist aber reine Chemie. „Wer blaudrucken kann, kann auch hexen!“ - dieser Spruch gehört tatsächlich ins Mittelalter. Auch der Spruch "sein blaues Wunder erleben" kommt daher.

Ich möchte aber weiter an Magie glauben, denn die Werkstatt hat eine ganz spezielle Ausstrahlung die zu wundersamen Dingen passt. Ilse ist hingegen alles andere als wundersam, eine sehr freundliche Frau, mit allerlei wissenswerten Geschichten und Infos im Gepäck. Sie ist mit Leidenschaft tätig in dieser Werkstatt, deren Inventar vom letzten Scheeßeler Blaudrucker, Heinrich Müller, stammt.

Ilse mit Model und Papp
Ilse führt vor, wie sie das Model mit Papp benetzt, um damit drucken zu können

Ruhe brauchst du, wenn du die Model präzise mit den Ansatzstiften auf dem Stoff platzierst. Es gibt keinen zweiten Versuch, einmal aufgebrachter Papp bleibt an Ort und Stelle. Und das wirkliche Ergebnis siehst du erst Wochen später, eine echte Geduldsprobe. Das ist der Grund, warum du Blaudruck nicht "mal eben so" in einem Workshop lernen kannst. Die acht Blaudruckerinnen, die hier ehrenamtlich arbeiten, bewahren das kulturelle Erbe in diesem "lebendigen Museum zum Anfassen", und fertigen unter anderem die traditionellen Stoffe für die Schürzen der Scheeßeler Tracht.

Die Blaudruckerei (fast) von oben
Hier wird geklönt und gearbeitet: Das Herz der Blaudruckerei.
Pingelpott im Blaudruck-Atelier
Im Pingelpott wird der Farbstoff Indigo gemörsert
Schale mit Papp in der Blaudruckwerkstatt
Die Blaudruckwerkstatt in Scheeßel mit einer Schale mit grünem Papp
Aussteuer-Regal mit Wäsche
Mit Blaudruck verzierte Wäsche und Spruchbänder wie zu Omas Zeiten
Stuhl mit Scheeßel-Kissen
Stuhl mit Blaudruck-Kissen, das das Scheeßeler Wappen zeigt
Blaudruck-Muster auf Stoff
Stoff mit verschiedenen nummerierten Mustern der einzelnen Model
Kindermotiv auf dem Model
Ungewöhnliches Motiv: Ein Junge zieht ein Mädchen mit Puppe im Bollerwagen.
Ilse an der Küpe
Ilse demonstriert, wie sich die Indigo-Farbe an der Luft verändert
Gefärbte Tücher trocknen am Ring
Über der Küpe tropfen die gefärbten Tücher am Sternkranz ab

Blaudruck meets Bier

Und wie ist das nun mit der Parallele zwischen Blaudruck und Bierbrauerei, die wahrscheinlich niemanden interessiert außer mich selbst? Na ja, in beiden Fällen spielt Fermentation eine wichtige Rolle, denn dieser Prozess ist nicht nur beim Brauen, sondern auch bei der Farbherstellung relevant. Im Herstellungsprozess der Farbe nutzte man früher Urin, mit ihm wurden die Pflanzenteile vergoren. Also, Pipi war die Grundlage für hübsche Stoffe. Und um genug davon zu haben, und weil auch der Alkohol einen Effekt hatte (Achtung, Viertel- oder Halbwissen!), tranken die Färber am Vortag ordentlich über den Durst. Später, wenn die gefärbten Stoffe an der Luft trocknen mussten und die Jungs nichts zu tun hatten - lasst nun einfach eure Phantasie spielen. Oft ist zu lesen, dass der Begriff "Blaumachen" daher kommt. Anne kann dir aber ganz genau erklären, was es mit "Blaumachen" bzw. dem "Blauen Montag" wirklich auf sich hatte. Die Geschichte würde hier zu weit gehen. Vielleicht passte es ganz gut, dass gerade die Bierstadt Einbeck auch für den Blaudruck bekannt war, wo eine heute noch existierende Blaudruckerei seit 1638 ansässig ist.  Ach so, und noch etwas verbindet beides: die nötige Geduld. In beiden Fällen braucht die Produktion gut 4 Wochen, mal ganz grob gesagt. Einen Spruch habe ich noch: "grün und blau schlagen".  Ob die Färber das nur mit dem Stoff machten?

Hast du die Folge bei Inspector Barnaby gesehen, in der ein Toter im Ale-Fass liegt? Die Küpe beim Blaudruck ist 2-3 Meter tief, das wäre doch auch mal was für einen Krimi - mein Kopfkino ist schon in vollem Gange ...

Das ist jetzt aber auch wirklich unnützes Wissen. Um zum Kern zurückzukommen: Ilse hat mich nicht in alle Geheimnisse eingeweiht, sie hat dicht gehalten. Mein Plan, zu Hause einen Blaudruck herzustellen mit allem Drum und Dran, mit Magie in der eigenen Hexenküche, kann ich so noch nicht umsetzen. Vielleicht habe ich ja bei Anne mehr Glück, die eigentlich den schönen Namen Annerose trägt, und mich in der Ausstellung erwartet.

Blaudruck - immaterielles Kulturerbe der Menschheit

Bevor ich aber in die Ausstellung gehe, möchte ich dir die wahre Bedeutung des Blaudrucks vergegenwärtigen: Er gehört zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit. Die UNESCO hat das Handwerk damit geadelt, und das ist richtig so, wie ich finde. Und die Scheeßeler? Sie waren ganz vorne dabei, den Blaudruck als Welterbe anerkennen zu lassen. Da können wir in der Region mächtig stolz drauf sein.

Seit 2016 ist der Blaudruck als immaterielles Kulturerbe deutschlandweit anerkannt, seit 2018 - als Gemeinschaftsprojekt von Deutschland, Österreich, Tschechischer Republik, Slowakei und Ungarn - auch in der "Representative List of the Intangible Cultural Heritage of Humanity".

Wissens-Snacks in der Blaudruck-Ausstellung

Anne Rathjen erklärt Wissenswertes
Im Film wird die Herstellung von Indigo in Pakistan gezeigt; Anne Rathjen erklärt mehr dazu.
Blaudruck-Dauerausstellung im Heimatmuseum Scheeßel
Blick in den Ausstellungsraum zum Thema Blaudruck im Meyerhof
Anne Rathjen erklärt die Muster des Blaudruck
Auf Stoffmustern mit den unterschiedlichsten Blaudrucken erklärt Anne Rathjen die Unterschiede

Im schönen Raum mit der Dauerausstellung erwartete Anne mich. Sie sprudelte gleich los und erzählte mir unfassbar viel über die Geschichte des Blaudrucks, über Farbe und Form, über Menschen und Mythen. Ich merke direkt: Hier ist viel Leidenschaft im Spiel.

Die Ausstellung ist so konzipiert, dass du sie in zehn Minuten ansehen kannst, so eine Art "Wissen zwischendurch". Vielleicht ist die Info hier angebracht, dass der Besuch kostenlos ist. Mal kurz reinschnuppern geht also ganz ohne Hürde. Du kannst dich gerne auch zwei Stunden dort aufhalten, und in die Welt des Blaudrucks eintauchen. Alleine beim Betrachten der vielen filigranen Model verfliegt die Zeit schnell. Am eindrucksvollsten ist die Ausstellung natürlich im Rahmen einer Führung, aber wenn du weniger Glück hast als ich, macht das nichts: Alles ist super und kurz beschrieben, oder in Filmen dokumentiert.

Notizbuch des letzten Scheeßeler Blaudruckers
Handschriftliche Vermerke zu Bestellungen im Notizbuch des letzten Scheeßeler Blaudruckers

Und um dir die ganzen Daten und Fakten nicht vorweg zu nehmen, halte ich mich an dieser Stelle kurz. Ich bin ja schließlich hier, um nach Geheimnissen zu suchen. Apropos Geheimnisse: Auch Anne hielt absolut dicht. Und sie scheint mir auch eine geerdete Frau zu sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie den Papp mit viel Blubbern und Dampfen in einem Kellergewölbe anrührt und dabei vielleicht noch ein paar Zaubersprüche ausruft. Aber wer weiß?

Eingang der Blaudruck-Ausstellung
Blick vom Eingang in den schönen Ausstellungsraum
Blick in die Blaudruck-Ausstellung
In der Blaudruck-Ausstellung gibt es Wissens-Snacks in Vitrinen, in Filmen und auf Tafeln.
Musterbuch eines Blaudruckers
Ein Musterbuch mit Druckbeispielen, aus denen die Kunden des Blaudruckers wählen konnten.
Stoff mit getrocknetem Papp
Noch liegt die Papp-Masse auf dem Stoff; dieser Bereich bleibt beim Färben weiß
Blaudruck in seiner schönsten Form
Ein typisches Blaudruck-Muster mit Granatapfel-Motiv - einfach schön!
Zwei Mädels in Trachten, Foto: Heimatverein Scheeßel
Die Schürzen der Trachten werden noch im Blaudruckverfahren hergestellt, Foto: Heimatverein Scheeßel

Alte Kunst für arme Leute

Blaudruck war eher eine Kunst - oder Handwerk - für weniger wohlhabende Menschen, denn die reicheren bevorzugten gewebte und gestickte Muster. Im Gegensatz dazu waren die Textilien mit dem Blaudruck vergleichsweise schlicht und günstig. Wobei die Trachten, die noch heute mit Blaudruck-Schürzen schmücken, für die Trägerinnen sicher eine Kostbarkeit waren oder immer noch sind. Für diesen Zweck färben die Scheeßeler Blaudruckerinnen auch heute noch Stoffe.

Deutlich später hat sich Indigo weltweit noch einmal in der Arbeiterklasse verbreitet: Nämlich mit der Jeans, die ursprünglich eine Arbeitshose war. Insofern passt es, dass auch Anne und Ilse mich in bequemen (Arbeits-)Jeans in "Indigo blau" begrüßt haben.

Dame aus Holz mit Blaudruck-Malerei
Ein Kunstwerk und Geschenk von Ragna Reusch-Klinkenberg
Kette mit Blaudruck
Schmuck der Künstlerin Lucky Schmidt aus Scheeßel

Blaudruck ist aber trotz der Tradition gar nicht "oll". Die Herrenausstattungs-Firma Walbusch beispielsweise arbeitet mit der Blaudruckerei in Jever zusammen. Die Scheeßeler Goldschmiedin Udaya Luxmie (genannt "Lucky") Schmidt hat Schmuck mit Blaudruck entworfen; hier zu sehen eine Kette aus Edelstahlplatten mit Blaudruckseide. Und die Künstlerin Ragna Reusch aus Ahausen schenkte dem Heimatverein eine Skulptur mit einem Blaudruckkleid.

Blaudruck - der Film

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Clara und Svenja

Bei der Blaudruck Ausstellung im Meyerhof in Scheeßel geht man auf eine kleine Zeitreise und lernt viel über die alte Textiltechnik, die dort bis heute praktiziert wird. Super spannend und sehr gut aufbereitet. Wir kommen wieder.

– Clara & Svenja von der Agentur Hauptsache Hübsch

Tipps & Wissenswertes

Wie geht das? Blaudruck in 9 Schritten

Ilse bei der Arbeit
  1. Model (also das Muster) und Baumwoll- oder Leinenstoff auswählen, dann Stoff auskochen, um die Schlichte zu entfernen
  2. Papp aus Gummi arabicum, Tonerde und anderen geheimen Zutaten herstellen
  3. Model erst auf Papp und dann auf den Stoff drücken
  4. Den Vorgang so oft wiederholen, bis das gewünschte Muster auf den Stoff übertragen ist
  5. Mit Papp bedruckten Stoff 4 Wochen auf dem Trockenreck trocknen lassen
  6. Stoff an Kronreifen hängen und bis zu 10 Mal in die kalte Küpe mit dem Indigoweiß tauchen (je 20 Minuten in der Küpe und 20 Minuten aushängen und oxidieren lassen)
  7. Papp entfernen, dafür kommt auf etwa 50 Liter Wasser ein kleiner Schuss Schwefelsäure
  8. Stoff spülen, bei 30 Grad waschen, trocknen und mit dem Kalander (Walzen) glätten
  9. Etwas Schönes aus dem fertigen Stoff gestalten

DIY - Blaudruck selber machen

Pingelpott im Blaudruck-Atelier
Im Pingelpott wird der Farbstoff Indigo gemörsert
Eine Schale mit Papp für den Blaudruck
Der Papp wird mit einem Model auf den Stoff übertragen. Dort bleibt dieser später weiß.
Stoff mit getrocknetem Papp
Noch liegt die Papp-Masse auf dem Stoff; dieser Bereich bleibt beim Färben weiß
Blaudruck in seiner schönsten Form
Ein typisches Blaudruck-Muster mit Granatapfel-Motiv - einfach schön!

Anne äußert sich bei der Frage nach den Zutaten sehr zurückhaltend, es handelt sich um ein Betriebsgeheimnis. Hier sind ihre Erklärungen:

Papp

"Der Blaudruck ist ein Reservedruckverfahren, bei dem die Muster von Hand mit einem Druckstock – der Model – aufgedruckt werden. Mit der Model wird auf weißem Stoff eine grüne Schutzmasse, der Druckpapp, aufgetragen. Diese im Werkstattbuch von Heinrich Müller überlieferte Rezeptur hat folgende Hauptbestandteile: Tonerde, Gummiarabikum, Grünspan, Alaun und Blaustein. Der aufgetragene Papp soll verhindern, dass der Stoff an den bedruckten Stellen im Färbebad mit dem Indigo in Berührung kommt. Das Muster wird somit durch den Papp beim Färbevorgang „reserviert“.

Stammküpe

"Natur-Indigo wird üblicherweise in Brockenform angeliefert. Diese Brocken müssen zu feinem Pulver zermahlen werden. Das Indigopulver wird mit Kalk und Eisenvitrol und kochendem Wasser zu einer sogenannten Stammküpe vermischt (quasi eine Art Indigo-Konzentrat).  Das genaue Verhältnis ist auch Betriebsgeheimnis. Je nach Verbrauch bzw. nach Menge des gefärbten Stoffes wird dieses Konzentrat zur bestehenden Flüssigkeit in der Küpe gegeben. Die Färbung in der kalten Indigoküpe ist sehr nachhaltig, da diese nicht irgendwann „schlecht wird“ - sie kann fortlaufend genutzt werden. Wir färben mit unseren schon rund 40 Jahre, und haben nur den Schwund durch Verbrauch oder Verdunstung nachgegeben."

Blaudruck selber machen - wie geht das?

Nach den Infos von Anne kann man einfach mal rumprobieren, wenn man denn die Zutaten bekommt. Die gibt es allerdings kaum in kleinen Mengen und sie sind recht teuer, und es wird wahrscheinlich einige Ausdauer erfordern, bis man es hinkriegt.

Wer probieren möchte, zu Hause im Reservedruckverfahren blau zu drucken, findet hier eine für Chemie-Laien mäßig verständliche Anleitung: Fachreferent Chemie

Ansonsten wird beim DIY-Blaudruck auf das Ätzdruckverfahren hingewiesen, oder mit dem Direktdruck blau auf weiß gedruckt. Für mich ist das kein "richtiger" Blaudruck, aber vielleicht mögt ihr das ausprobieren: Anleitung zum Blaudruck

Und wenn ihr es ganz genau nehmen möchtet, dann könnt ihr Färberwaid oder Indigo auch selbst anpflanzen. Das Saatgut gibt es bei uns im Landkreis, bei Rühlemann's Kräuter und Duftpflanzen in Horstedt.

Die Challenge

Wer schafft es, Blaudruck im Reservedruckverfahren zu Hause herzustellen? Meldet euch bitte bei mir, dann gibt es dafür in  den sozialen Medien die "ultimative Lobhudelei". Noch ultimativer wird diese Lobhudelei, wenn ihr die Färberpflanze angebaut und den Farbstoff selbst daraus gewonnen habt. Für einen Bericht und Erfahrungsaustausch wäre ich super dankbar.

Blaudruck in Niedersachsen

Außerhalb der Blaudruckerei in Scheeßel, in der keine Produkte gekauft werden können, gibt es in Niedersachsen folgende Blaudruckereien:

Blaudruckerei in Jever/Kattrepel

Sabrina Schuhmacher hat in Jever erst vor Kurzem die Werkstatt von Georg Stark übernommen. Die Tradition wird fortgeführt. Ihr könnt Sabrina dort bei der Arbeit über die Schulter schauen, Produkte kaufen und auch Stoffe für euch produzieren lassen.

Einbecker Blaudruck seit 1638

Im Online-Shop oder Ladengeschäft können Produkte erworben und in der Lohndruckerei Stoffe beauftragt werden. Für Gruppen werden Führungen angeboten.

 

Auf den Websites gibt es neben Adressen, Öffnungszeiten und mehr auch viele interessante Infos über den Blaudruck.

Blaudruck-Tour durch Scheeßel

Wenn du in Scheeßel bist, dann solltest du dir ein wenig die Beine vertreten und auf Blaudruck-Tour gehen. An verschiedenen Orten findest du interessante und amüsante Infos rund um das Thema, und nebenbei lernst du den schönen Ort kennen.

Die audiovisuelle Tour findest du natürlich auch online: Auf Blaudruck-Tour gehen

Geschichte in aller Kürze

Model mit einem Schiffsmotiv

1689 oder 1690 wurde der erste Blaudruck in Deutschland vom Augsburger Jeremias Neuhofer im Reservedruckverfahren hergestellt. Danach verbreitete sich diese Technik schnell. Das Verfahren war im Mittelalter nicht üblich, da die warmen Küpen mit Färberwaid die Reservemittel Wachs und Leim leicht auflösten. Mit dem Import von Indigo wurde es möglich, in kalten Küpen zu färben. Gleichzeitig bot das neue Material Papp - das älteste Rezept ist in einem holländischen Tagebuch von 1727 überliefert - bessere Schutzreserven. Im 18. Jahrhundert nahm das Handwerk des Blaudrucks dann seinen Aufschwung.

Industriell wird der Blaudruck nicht hergestellt. Heute existieren in Europa nur noch wenige Handwerksbetriebe, die die Herstellung der Model und die alten Drucktechniken beherrschen. Die älteste noch aktive Blaudruck-Werkstatt Europas befindet sich in Einbeck, eine weitere in Jever.

Für den Meyerhof in Scheeßel sind zwei Namen von besonderer Bedeutung. Heinrich Müller war der letzte Blaudrucker im Ort. Er hat 1950 seine Werkstatt aufgegeben. Der Heimatverein hat diese mitsamt der großen Model-Sammlung 1975 und zusammen mit vielen Musterbüchern und mehr erworben, denn Heinrich Müller war auch ein begnadeter Werbefachmann, der mit den Mustern Kunden aus ganz Deutschland akquirierte. Der Formenstecher Heinz Dietrich hat die Werkstatt-Ausrüstung gespendet, die in der Dauerausstellung zu sehen ist. Er war es auch, der als einer der letzten Formenstecher Model für den Heimatverein restauriert hat. Und hier sieht Anne die Kunst, ich kann ihr da nur zustimmen: Die Gestaltung der Model durch die Formenstecker, die ist etwas ganz Besonderes. Ganz früher geschnitzt aus Buchsbaum, später gefertigt aus Messingstiften und Birnbaumholz.

Das Team der Blaudruckerinnen

Derzeit werkeln acht Blaudruckerinnen einmal monatlich in der Werkstatt. Nach dem Frühstück kümmert sich ein Teil oben um neue Objekte, während unten der andere Teil an der Küpe färbt. Das mal so ganz grob. Alle vier Wochen macht Sinn, denn so lange muss der Papp trocknen. Den ganzen Tag machen sich die Damen bei der Arbeit durchaus auch schmutzig. Verkauft werden die Objekte nicht. Gefärbt wird unter anderem für die Trachtengruppen des Ortes.

Über neue Mitgliederinnen oder Mitglieder, die im besten Fall die Tradition mit Leben füllen und an die nächste Generation weitergeben, würden sich die Damen sehr freuen.

Zwei von ihnen haben mir das Thema Blaudruck gezeigt, wofür ich mich sehr bei Anne und Ilse bedanke. 

Anne Rathjen vom Blaudruck-Team
Anne in der schönen Blaudruck-Ausstellung im Heimatmuseum Scheeßel

5 Fragen an Annerose Rathjen

  1. Kommst du gebürtig aus dem Landkreis Rotenburg (Wümme)?
    Ja – ich habe das Licht der Welt im Rotenburger Krankenhaus erblickt.
    Meinen Wohnsitz hatte ich immer in der Gemeinde Scheeßel, trotz verschiedener beruflicher Tätigkeiten z. B. in Hamburg oder in Verden, mit vielen Reiseaktivitäten im In- und Ausland.
  2. Was ist dein persönlicher Lieblingsort im Landkreis?
    Die Vareler Heide, diese ist nur ca. 10 min Fußweg von unserem Haus entfernt und wir sind oft zu einem Spaziergang dort. Die Vareler Heide ist zu jeder Jahreszeit wunderschön mit der hügeligen Dünenlandschaft, Heide und Wacholder. Dazu gibt es schöne Wege durch den Wald mit Blick auf die Wümmeniederung/-Wiesen. Mein Herzenswunsch wäre der Wiederaufbau der Holzbrücke über die Wümme zwischen Varel und Griemshoop.
  3. Was schätzt du an den Menschen in der Region besonders?
    Einerseits die Offenheit und Geselligkeit – aber auch die Verlässlichkeit. Wir hatten zum 1. Mai 2020 geplant, einen besonderen Handwerker (Formstecher für Druckmodel) aus Dänemark einzuladen. Bei den Vorbereitungen haben mehrere Personen aus unserem Blaudruckerteam sofort ein Privatquartier für dieses Ehepaar angeboten – obwohl nie persönlich vorher getroffen. Auch die Pläne für gemeinsame Unternehmungen – Grillen zu Hause etc. wurden spontan angesprochen – jeder wollte gerne ein Treffen und selbstverständlich etwas dazu beitragen.
  4. Was macht die Region lebens- und liebenswert?
    Lokale Kulturangebote vom Heimatverein, KIS oder auch Sparkassenstiftung oder andere. Breites kulinarisches Qualitätsband von guter deutscher Küche über Rodizio bis hin zum Rauchfang Oldenhöfen (Anm. d. Red.: Der Rauchfang ist inzwischen geschlossen). „Schöne Ecken“ im Landkreis: Tister Bauernmoor, Bullensee etc. Gute Lage: Sehr gute Verkehrsanbindung Hamburg und Bremen, Nähe zu Nord- und Ostsee.
  5. Bist du eher Team Aktiv, Natur, Kultur oder Auszeit?
    Im Team bin ich beim Blaudruck tätig. Hier treffen wir uns – zu normalen Zeiten (ohne Corona) – regelmäßig mit bis zu 7-8 Personen, um dieses Handwerk auszuüben. Privat sind wir zu zweit viel in der Natur unterwegs – z.B. Radtouren in unserer Umgebung, Wandern in der Lüneburger Heide oder auch Spaziergänge an der Elbe im Alten Land. Derzeitig vermissen wir insbesondere auch Kino- und Theaterabende (Buchholz oder Hamburg).
Ilse an ihrem Arbeitsplatz
Es ist nicht nur ihr ehrenamtlicher Arbeitsplatz, sondern auch ihr Lieblingsort: Die Blaudruckerei.

5 Fragen an Ilse Riebesell

  1. Kommst du gebürtig aus dem Landkreis Rotenburg (Wümme)?
    Ich bin hier in Scheeßel 1955 geboren und bin 1969 über die Tanz- und Trachtengruppe „De Beekscheepers“ auf den Heimatverein aufmerksam geworden. Als 1975 vom Heimatverein die Blaudruckwerkstatt eingeweiht wurde, war ich von der ersten Stunde dabei und habe eine „Lehre“ beim letzten Blaudrucker Alfons Friese gemacht.
  2. Was ist dein persönlicher Lieblingsort im Landkreis?
    Mein persönlicher Lieblingsort ist der Meyerhof und das Heimathausgelände in Scheeßel. Wunderschön ist auch der Blick auf die Beeke-Brücke hinter dem Meyerhof, wenn die untergehende Sonne durch die Bäume scheint und sich in der Beeke spiegelt.
  3. Was schätzt du an den Menschen in der Region besonders?
    Ich glaube, hier in Scheeßel sind die Menschen besonders aufgeschlossen gegenüber fremden Nationen und Hautfarben. Das hat sicherlich damit zu tun, dass wir zu unseren Trachtenfesten und zum Hurricane Menschen aus der ganzen Welt empfangen und diese auch die positiven Eindrücke aus Scheeßel wieder in die ganze Welt mitnehmen.
  4. Was macht die Region lebens- und liebenswert?
    Der ländliche Raum zwischen Weser und Elbe, die schönen Landschaften – Moore, Seen und Wälder (auch die Ebene hat ihre Reize), die Vielfältigkeit macht es, die Nähe zur Küste, zu den Metropolen Hamburg, Bremen und Hannover, gute Bahnanbindungen …
  5. Bist du eher Team Aktiv, Natur, Kultur oder Auszeit?
    Ich bin gern im Team aktiv – im Blaudruckerteam (8 Personen) mache gerne Spaziergänge in der Natur, bin aber auch bei Kulturveranstaltungen, wie dem Beeke-Festival, 1. Mai, Kunsthandwerkermarkt und Kinderferienprogramm des Heimatvereins, aktiv arbeitend dabei. Auch Sport wie Schwimmen, Yoga und Line-Dance mache ich gern.

Heimatmuseum Scheeßel

Am Meyerhof 1
27383 Scheeßel
Tel: 04263 6757888
E-Mail: info@heimatmuseum-scheessel.de

Die Blaudruckerei befindet sich als Teil des Meyerhofs im Heimatmuseum Scheeßel. Der Eintritt ist frei.

Öffnungszeiten und mehr - alle Infos zum Heimatmuseum Scheeßel

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