Ingrid Krause
Ingrid Krause
24.11.2022

Das Acker-Experiment der Frau Bremer

Modell-Acker Riepholm - von Land und Wirtschaft

Es ist kein Spaß-Projekt, sondern wirtschaftliche Notwendigkeit: Mit welchen Kulturen kann die regionale Landwirtschaft auf die klimatischen Herausforderungen reagieren? Welche Pflanzen wachsen auch in Zeiten zwischen Trockenheit und Starkregen, und können anschließend regional verarbeitet und vermarktet werden? Wie kann also ganz existenziell die Zukunft ihres Bioland-Betriebes aussehen? Nadia Bremer experimentiert seit diesem Jahr auf eigenen Flächen, und lässt offen an den Erkenntnissen teilhaben. Da die Testfelder am NORDPFAD Riepholm-Gilkenheide liegen, wurde daraus ein für Laien verständlich aufbereiteter Lehrpfad. 

Inhalt:
Nadia Bremer auf dem Mähdrescher

Nadia Bremer und spannende Experimente für die Zukunft

Nadia Bremer kommt aus Bremen, kein Scherz. Sie wohnt mit ihrer Familie weiterhin hauptsächlich dort. Seit sie vor drei Jahren den Hof ihres Onkels in Riepholm geerbt hat, der seit Generationen im Familienbesitz ist, gibt es nun einen zweiten Wohnsitz in Visselhövede-Riepholm. Die Aufgabe: Den Betrieb zukunftsfähig zu machen.

Belächelt wird sie manchmal, als Frau, noch nicht ganz fertig mit der landwirtschaftlichen Ausbildung. Ich erlebe sie aber als Powerfrau mit dem Vorteil, Erfahrungen auch in anderen Berufszweigen gesammelt zu haben. Sie geht die Dinge hier und da anders an als alteingesessene Kolleginnen und Kollegen, mit einem offenen Blick für das Wesentliche. Dabei ist ganz klar, dass es nicht um Nostalgie geht, wenn teilweise noch mit den vererbten Geräten gearbeitet wird. Ich mag die so gerne leiden, aber gearbeitet wird viel im Lohnbetrieb mit den Maschinen, die heutzutage sinnvoll sind für die jeweiligen Aufgaben und Flächen. Der Blick ist immer nach vorne gerichtet, mit viel Realismus.

Damit es weiter geht in ihrer - und der allgemeinen - Landwirtschaft, kann nicht gearbeitet werden wie bisher. Neue Kulturen oder Sorten, die besser an die sich verändernden klimatischen Bedingungen angepasst sind, müssen schon jetzt getestet werden. Die Experimente erstrecken sich über Jahre, Zeit ist da keine mehr zu vertüdeln. Den Modell-Acker, der in Kooperation mit dem Nachbar-Landwirt Olaf Wilkens und Bioland umgesetzt wird, nennt Nadia selbst "ein Praxisprojekt für klimaangepasste Landwirtschaft". Zu den Themen Klima und Zukunft gehört auch eine ökologische Landwirtschaft, die nicht nur gesund ist für die Menschen, sondern auch für die Tierwelt (insbesondere Insekten) und die Böden. Hinzu kommt das Thema der Vermarktung, die von den Verbraucherinnen und Verbrauchern immer regionaler gewünscht wird, so aber nicht immer umsetzbar ist. Der Zwischenschritt der Verarbeitung ist dabei die größte Hürde. Und der Preis. Und die Politik ... Ein extrem komplexes Thema, ein existenzielles dazu - nicht nur für die Landwirte. Es geht global um die Ernährung der Zukunft, die für eine immer größer werdende Anzahl von Menschen gesichert werden muss. Ein Mini-Puzzle-Teil in dieser vernetzten Welt ist der Hof Bremer, der "j. w. d." liegt.

Zur Auflockerung gibt es jetzt weitere hübsche Bilder von Bienen und (Sonnen-)blumen.

Sonnenblume im Feld vom Modell-Acker
Das Sonnenblumenfeld
Noch mal das Sonnenblumenfeld
Sonnenblume mit Biene
Infotafel zur Sonnenblume
Geschlossene Sonnenblume
Sonnenblumenfeld die Dritte
Lecker Nektar!

Der Modell-Acker im Sommer

Ich besuchte den Modell-Acker im Juli, als ich Nadia noch gar nicht kannte. Gehört hatte ich von ihm, weil er im Büro Thema im Zusammenhang mit dem NORDPFAD Riepholm-Gilkenheide war. Mein Chef Udo hatte mit der Beschilderung des Abzweigs und der Abstimmung des Lehrpfades zu tun, und das musste ich mir doch einmal ansehen. Denn ich selbst mache mir oft Gedanken über proteinreiche Kulturen in der täglichen Gemüseküche und über regionale Rohstoffe für meine Experimentierküche. In einer Zeit, in der Rapsöl wegen des Krieges in der Ukraine knapp zu werden schien, fragte ich mich zum Beispiel, warum wir nicht selbst genug Bratöl produzieren können. Oder, warum nicht viel mehr Erbsen oder Linsen alleine wegen der Proteine angebaut werden. Und so weiter ... Am meisten begeisterte mich das Sonnenblumenfeld. Da zeigt sich der Speziezismus, nur weil sie so hübsch ist, wird sie hier zum Star!

Nachfolgend sind alle einzelnen Kulturen - ob hübsch oder nicht ganz so schön - und alle Infos zu ihrem Anbau, den Erfolgen und mehr konkret beschrieben:

Roggen, Hafer und Buchweizen wurden bereits vorher angebaut und gehörten nicht direkt zu den Test-Kulturen. Der Nutzhanf war, nachdem Schwarzkümmel nicht funktionierte, eine Folgefrucht, die aber ebenso nicht funktionierte. Dadurch, dass der Hanf nicht geplant war, findest du auf dem Lehrpfad keine Beschreibung dazu.

And the winner is: die Erbse! Sie hat sich am besten geschlagen.

Unter Berücksichtigung der idealen Fruchtfolge werden nun die gleichen - oder ähnliche - Kulturen im nächsten Jahr auf anderen Feldern angebaut. Auch hier werden wieder Wetter, Boden und andere Faktoren penibel dokumentiert.

Buchweizen
Linse, Foto: Modell-Acker
Blühwiese
Erbse
Hafer
Hafer
Knick
Öllein
Schwarzkümmel - oder auch nicht
Roggen, Foto: Modell-Acker

Damals war mein Landkreis-Erkundungs-Campervan noch hässlich weiß. Über das Landvergnügen habe ich gleich bei Olaf übernachtet, und eine ganze Schale leckerster Heidelbeeren verdrückt. Übrigens gibt es verschiedene Plattformen, über die Übernachtungen für Camper auf Höfen und privaten Grundstücken möglich sind.

Im Hofladen vom Bioland-Hof Wilkens (und im Kleinen an dem Verkaufsschrank an der Straße), direkt an Startplatz 2 des NORDPFADES Riepholm-Gilkenheide, gibt es unter anderem selbst angebautes Quinoa. Direkt am Wanderweg befindet sich zusätzlich das Heidelbeerfeld, auf dem auch sehr gerne gegen Bezahlung selbst gepflückt werden darf. Eine tolle Wegzehrung! Für Kinder bietet der Hof das Projekt "ackern & rackern" an.

Nadia Bremer und Lene Siemer präsentieren das neue Bremer-Brot

Netzwerk, Kooperation und Open Source

Alles alleine machen und im stillen Kämmerlein bewerten? Das macht keinen Sinn. Nadia kooperiert daher in diversen Bereichen mit regionalen Partnerinnen und Partnern.

  • Den Biohof Bremer GbR bewirtschaftet sie zusammen mit Claas Grünhagen. Er ist immer dort, und kümmert sich auch besonders um die Tiere. Sie ist vor allem am Wochenende dort. Viele Aufgaben werden vergeben, aber auch ihr Vater und "Onkel Willi" (ich darf ihn offiziell nun auch so nennen) helfen.
  • Der Riepholmer Modell-Acker ist ein Projekt vom Biohof Bremer in Kooperation mit Olaf Wilkens vom Nachbarhof und Bioland. Das Projekt ist selbst finanziert, und nur unterstützt durch privat angeworbene Sponsoren. Und um genau dieses Projekt geht es mir im Folgenden.
  • Die Bischoff & Bremer Vermarktungs GbR, in deren Rahmen Nadia mit Daniel Bischoff kooperiert, bündelt den Vertrieb der Erzeugnisse, und vor allem die Schlachtung und Vermarktung der Tiere.
  • Gemeinsam mit Lene Siemer von der Backstube in Bremen hat Nadia das Bio-Roggenbrot "Bremer" umgesetzt. Und die Öl-Mühle Pamath aus Bremen presst Leinsaat und Sonnenblumenkerne.

Ich möchte damit darstellen, wie flexibel und zielgerichtet Kooperationen dabei helfen, verschiedene Standbeine aufzubauen, und nicht alleine ins Risiko zu gehen. Dabei nützen die Erkenntnisse gerade vom Modell-Acker allen, denn Nadia geht ganz offen mit den Daten um. Open Source eben.

An dieser Stelle stellt Nadia sich aber einmal selbst vor:

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Infotafel am NORDPFAD. Tipp: Mit einem Klick auf das Foto wird es lesbar!

NORDPFAD trifft Lehrpfad

Auf dem NORDFAD Riepholm-Gilkenheide habe ich im Jahr zuvor bereits ein paar Impressionen gesammelt. Nun ist der neue Lehrpfad am Modell-Acker Teil des NORDPFADES, und eine beliebte Abkürzung. In absehbarer Zeit mag es auch eine Streckenanpassung geben. Wundere dich also nicht auf deinem Weg, sollte irgendetwas anders ausgeschildert sein als zuvor.

Wir als Touristikverband haben das Projekt sehr begrüßt und freuen uns riesig über das private Engagement. Dieses Projekt ist im nächsten, also im zweiten Jahr, nur durch weitere Sponsoren möglich. Dadurch verdient Nadia keinen Cent, sondern kann einen Teil der Kosten refinanzieren. In diesem Ausnahmefall werben wir aktiv, weil wir den Open-Source-Gedanken super finden: Werde Sponsor oder Pate, und unterstütze das Projekt. Eine Patenschaft ist übrigens auch ein tolles Weihnachtsgeschenk. Das geht auch, wenn man sich in diesem Jahr innerhalb der Familie doch eigentlich nichts mehr schenkt, denn es ist für einen ziemlich guten Zweck. Ich bekomme auch seit Jahren ein Los der "Aktion Mensch", und freue mich, auch wenn ich noch nie etwas gewonnen habe, immer wieder darüber.

Schöne Wege am NORDPFAD Riepholm-Gilkenheide
Weite Felder
Wegweiser zur Heidelbeerplantage von Olaf Wilkens
Waldwege
Schmetterling und gelbe Blüten
Blühwiese als "Eingang" des Lehrpfades
Heidelbeeren von Hof Wilkens
Hofladen von Hof Wilkens
Sonnenblume vor der Ernte

Der Modell-Acker im Herbst

Die Natur ist eigenwillig, das Wetter bestimmt alles. Es überlegte sich im Oktober, die Sonne herauszuholen, als ich keine Zeit hatte. Ich wollte doch so gerne auf dem Mähdrescher dabei sein, wenn die Sonnenblumenkerne geerntet werden. Denn die habe ich mir für diese Story wegen der hübschen Bilder und der Speiseöl-Dramatik ja als Hauptkultur ausgesucht. So ist es eben, kann man nix machen.

Im November hat es aber geklappt, dass ich Nadia besuchen konnte. Wir starteten am Modell-Acker, auf dem jetzt Zwischenkulturen wachsen, die unter anderem den Boden verbessern. Die Schilder hat Nadia schon mal umgeschraubt.

 

Das Ergebnis der Sonnenblumenkern-Ernte sah ich auf dem Hof.  Der Anbau auf einer Fläche von 1,9 Hektar brachte eine Ernte von 2,2 Tonnen gereinigter Sonnenblumenkerne ein. Das sind die vier riesigen Säcke, die du auf dem Bild unten siehst.

Da wir im Norden eine kürzere Anbauzeit haben als im Süden, können auch nur schnell reifende Sorten der Sonnenblume angebaut werden. Eine ist eben diese, die einen sehr hohen Ölanteil hat. Wird sie geschält - wofür es in der Nähe keine Maschinen gibt -, dann werden die Kerne schnell ranzig, da diese verletzt werden können und Öl austritt. Ungeschälte Sonnenblumenkerne werden aber ungern von Ölpressen eingekauft. Ein Dilemma. Nadia hat eine kleine Öl-Manufaktur in Bremen aufgetan, die es direkt nach meinem Besuch aber geschafft hat. Ansonsten wären die gesamten Bioland-Sonnenblumenkerne wohl zu feinstem Vogelfutter geworden.

Und dann lernte ich die neuen Bewohnerinnen und Bewohner des Hofes kennen: die wunderbaren Rinder. Kühe sind nicht dabei, nur Fersen (weibliche Rinder, die noch kein Kalb geboren haben) und männliche Tiere. Die Kälber wurden in diesem Jahr erstmalig nach dem Absetzen der Milch im Rahmen einer Ammenaufzucht gekauft. Nun werden sie weiter großgezogen. Einerseits eine Mischung aus Holsteiner und Angus; das sind die Lütten, die nicht zusammen stehen möchten. Und andererseits eine Mischung aus Holsteiner - bekannt als Schwarz-Bunte - und Limousin. Die Tiere stehen stets dicht beieinander. Ganz ulkig. Das erste Tier aus dieser Herde wird im nächsten Jahr erst gegen Weihnachten geschlachtet. Bis dahin wird es sicher auch klappen, dass dies mit einem Weideschuss erfolgen kann, was nach einer Gesetzesänderung leichter möglich ist. Daniel Bischoff, der selbst deutlich mehr Tiere hält und das erste für die gemeinsame Vermarketung bereits geschlachtet hat, kümmert sich direkt um die Verarbeitung, möglichst nach dem Prinzip "from nose to tail".

Was machst du denn da?
Kuschelherde
Kälber auf Abstand
Wer beobachtet wen?
Blaue Zungen bei Holsteiner-Limousin-Rindern

Anschließend ging es wieder zum Hof Wilkens. Olaf hat Strom, nachts war es dadurch warm und ich konnte morgens schon prima im Camper arbeiten, bis Nadia kam. Hast du es gesehen? Endlich ist er schwarz, yeah! Die Sonne schien morgens in den Van, der Blick fiel auf eine Wiese mit Hühnern und Obstbäumen, was will man mehr. Ja, was fehlte zum Glück? Handy-Empfang, ich hatte kein Netz! So geht Arbeit unterwegs natürlich nicht. Ich hoffe sehr, dass der Technologie-Standort Deutschland hier schnell weiterkommt mit dem Netzausbau.

Sonnenblumenkerne in der Ölmühle, Foto: Modell-Acker

Produkte von hier

Einige Produkte können nun verkauft werden. Zum unten gezeigten Bild kommen ein Kalender und das inzwischen gepresste Sonnenblumen-Öl. Auch die ersten Bremer Brote mit Roggen von Nadia Bremer wurden gebacken. Die Produkte sind hier zu erwerben:

Ich nehme dies zum Anlass, Werbung für alle Hofläden und Manufakturen im Landkreis zu machen. Auch wenn das Geld knapper und die Preise teurer werden: Nur so kann lokale Landwirtschaft überleben. Schau' doch mal rein! Der Shop von Nadia kann natürlich nicht dabei sein, er ist ja im benachbarten Bundesland Bremen beheimatet.

Wäre ich bei "Wünsch dir was", dann würde ich mich ganz eigennützig über die folgenden Test-Kulturen freuen:

Süßlupine (ein wunderbarer Eiweiß-Lieferant), Braugetreide (Brauereien und Heimbrauende suchen nach regionalen Anbietern, und in Buxtehude sitzt LandMalz), Senfsaat (ich mache meinen Senf selbst), Iberischer Drachenkopf (Omega 3-Wunder, wächst für die Ostseemühle in Mecklenburg und könnte hier für die Ölmühle Godenstedt wachsen), Ackerbohnen, Kichererbsen, Soja, Nüsse, die Silphie als Ersatz für Mais in der Biogas-Produktion ...

Gelbe Erbsen und grüne Linsen sind aber auch total super!

Nadia Bremer auf dem Modell-Acker

5 Fragen an ...

  1. Kommst du gebürtig aus dem Landkreis Rotenburg (Wümme)?
    Nein, ich bin gebürtige Bremerin. Mein Vater stammt von dem Hof in Riepholm, den ich seit 2020 bewirtschafte. Der Hof ist seit mindestens sechs Generationen im Familienbesitz.

  2. Was ist dein persönlicher Lieblingsort im Landkreis?
    Ich bin gerne und ständig in Bewegung - am liebsten zu Fuß auf Feld- und Waldwegen. Es gibt immer etwas zu entdecken: Dinge, die schon immer da waren, aber noch nie wahrgenommen wurden oder die unglaublichen Veränderungen der Pflanzen- und Tierwelt im Jahresverlauf.

  3. Was schätzt du an den Menschen in der Region besonders?
    Die Bereitschaft, Erfahrungen und Wissen zu teilen. Ich führe zu den unerwartesten Gelegenheiten spannende Gespräche über alte Zeiten.

  4. Was macht die Region lebens- und liebenswert?
    Darüber muss ich noch nachdenken. Für mich ist der Bezug zum Landkreis eigentlich über meinen Hof und die zugehörigen Flächen bestimmt. Ich fühle mich hauptsächlich in der Pflicht, das kulturelle Erbe dieses Hofes zu bewahren und den landwirtschaftlichen sowie ökologischen Wert der Flächen zu schützen.

  5. Bist du eher Team Aktiv, Natur, Kultur oder Auszeit?
    Wohl eine Mischung aus Natur und Kultur.

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